Wort und Klang Küche

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1986 war es gewesen, als der Bauarbeiter und Dichter Marc Smith den Poetry Slam erfand. Lange Zeit hatte ihn die Frage gequält, weshalb Literaturveranstaltungen so langweilig und borniert sein müssen, warum Literatur nicht auch in einem Rahmen stattfinden kann wie beispeilsweise ein Jazz-Konzert, wie Musik eben. Seine Lösung war der Poetry Slam, ein Wettstreit der Dichter. Poetry Slam ist also zunächst ein Veranstaltungsformat: "Die Slam-Poeten tragen selbst geschriebene Sachen vor, das ist Bedingung eins. Dann gibt es weitere Regeln: der Slam-Poet hat nur begrenzt Zeit, sein Gedicht vorzutragen oder seine Geschichte zu erzählen. Er darf keine Musikinstrumente und keine Requisiten, respektive Kostüme benutzen. Es geht also allein um das gesprochene Wort. Und das Publikum ist interaktiv mit eingebunden, dadurch, dass es als Jury arbeitet oder dass es lauthals sein Missfallen oder seine Begeisterung kundtun kann." (Timo Brunke, Stuttgart) Und was auf einem solchen Poetry Slam vorgetragen wird, ist demnach Slam Poetry: mal laut, mal nachdenklich, mal Prosa, Lyrik, Rap, mal peinlich, mal genial, so unterschiedlich wie die Leute, die sich bei den Slams in die Liste eintragen lassen.

Längst ist daraus auch in Deutschland eine quirlige, spannende Szene erwachsen, kaum eine größere Stadt ohne eigenen Slam. Es gibt Seminare an den Universitäten, Slams an Schulen, Workshops im ganzen Land, die den Jugendlichen die Faszination Slam vermitteln wollen, die Lust am Schreiben und öffentlichen Vortrag. In den großen Städten sind mehrere hundert Besucher an einem Slam-Abend längst keine Seltenheit mehr. Beim Slam 2004 im Stuttgarter Theaterhaus, der letztjährigen offiziellen Meisterschaft der Slam Poeten aus dem deutschsprachigen Raum, ließen sich über 4.000 Besucher von den Darbietungen auf der Bühne verführen.

Wann war das denn zum letzten Mal, dass über 1.000 Leute zu einer Lesung kamen, fragt Jan Off, Autor und Slam-Champion von 2000. Ist Slam gar die einzig ernst zu nehmende literarische Strömung, wie der Schweizer Slammer Richie Küttel provozierend formuliert? Weil der Slam-Bewegung gelingt, was kaum eine andere Bewegung erreicht hat, nämlich Jugendliche für Literatur zu begeistern, sie anzuregen, selbst zum Stift zu greifen und die Literaturbühnen zu stürmen. Und es geht hier nicht um ein paar Einzelne sondern um Tausende im ganzen Land! Wann gab es denn das zum letzten Mal? Gab es das überhaupt jemals?

Aus der Szene heraus sind inzwischen kleine Verlage entstanden, 'Der gesunde Menschenversand' etwa, 'Lautsprecher-Verlag', 'Yedermann' oder 'Ariel'. Autoren, die auf den Slams ihre ersten Erfahrungen gesammelt haben, sind bei großen Verlagen untergekommen, Bas Böttcher beispielsweise oder auch Tanja Dückers, Michael Lentz gar, der Gewinner des 2. National Poetry Slam 1998, wurde 2001 mit dem Ingeborg Bachmann-Preis ausgezeichnet. Höchste Zeit also für eine Bestandsaufnahme. Am 20. und 21. August geht die Lange Nacht dem Phänomen Slam nach, mit O-Tönen von den vergangenen, den aktuellen und den zukünftigen Stars der Szene, und mit Performance-Texten, die keinen Vergleich zu scheuen brauchen. Word!